Zwischen zwei Kulturen – Identität im Wandel
Wer in einem Land aufwächst und gleichzeitig die Traditionen einer anderen Kultur zu Hause lebt, kennt das Gefühl: Man gehört irgendwie überall dazu – und manchmal nirgends so ganz. Dieses Phänomen, das Soziologen als „kulturelle Hybridität" bezeichnen, betrifft Millionen von Menschen weltweit und wird in der Migrationsforschung zunehmend als Ressource statt als Problem begriffen.
Kemal, 29 Jahre alt, ist in Stuttgart geboren und aufgewachsen. Seine Eltern kommen aus der Türkei, die Großeltern sprechen kaum Deutsch. Zu Hause wird Türkisch gesprochen, gegessen wird traditionell – aber Kemal studiert Informatik, spielt in einer Band und fühlt sich beiden Welten zugehörig. „Ich übersetz nicht nur Sprachen, ich übersetz auch Denkweisen", sagt er.
Nicht immer verläuft diese Doppelzugehörigkeit reibungslos. Kemal berichtet, dass er in manchen deutschen Kontexten als „zu türkisch" wahrgenommen wird, während ihn Verwandte bei Besuchen in der Türkei als „zu deutsch" bezeichnen. Diese Zuschreibungen empfindet er als einengend – er weigert sich, sich für eine Identität entscheiden zu müssen.
Fachleute betonen, dass mehrsprachige und transkulturelle Biografien in einer globalisierten Welt immer bedeutsamer werden. Arbeitgeber schätzen kulturelle Kompetenz, und gesellschaftlich kann die Fähigkeit, Brücken zwischen Kulturen zu bauen, eine wertvolle Bereicherung sein – vorausgesetzt, die Gesellschaft erkennt dieses Potenzial auch an.